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08.03.2016 Jena als internationales Zentrum der Sepsisforschung etabliert: Prof. Dr. Konrad Reinhart hält Abschiedsvorlesung Seit 1993 Klinikdirektor am UKJ / „Sepsis als Erkrankung hatte früher keine Lobby“ / Zahl der Intensivbetten verfünffacht

„Sepsis war eine Krankheit ohne Lobby“: Prof. Dr. Konrad Reinhart hält in dieser Woche seine Abschiedsvorlesung am UKJ. Zuvor gibt es am 10. März ein Leopoldina-Symposium zur Sepsis. Foto: UKJJena (ukj/dre). Prof. Dr. Konrad Reinhart hält am 11. März nach fast 23 Jahren am Universitätsklinikum Jena (UKJ) seine Abschiedsvorlesung. Im Oktober 1993 übernahm er die Leitung der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am UKJ und den Lehrstuhl in der Saalestadt. Heute gilt der Medizinstandort Jena international als ausgewiesenes Zentrum der Sepsisforschung.

Die Entwicklung der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin seit dem Amtsantritt von Prof. Reinhart zeigt eine eindrucksvolle Tendenz und gibt dabei einen Einblick in die Gesamtdynamik des UKJ. 1993 gab es lediglich zehn Intensivbetten zur Behandlung von operativen Patienten und Schwerverletzten sowie 13.000 Narkosen am UKJ ärztlich und pflegerisch zu betreuen. Heute sind es mehr als 50 Intensivbetten und über 22.000 Narkosen, es gibt eine spezialisierte Schmerzambulanz und auch die Versorgung von Notfallpatienten hat über die Jahre stetig zugenommen. Die Zahl der ärztlichen Mitarbeiter der Klinik ist von 35 auf aktuell über 110 angewachsen.

Rückblick: „Es gab keine Behandlungsrichtlinien, es gab keine belastbaren Zahlen, es war nicht einmal Thema im Studium“ – fast ungläubig blickt Prof. Dr. Konrad Reinhart auf die Anfänge seiner Medizinerlaufbahn und schüttelt den Kopf. Dann ergänzt er: „Sepsis hat einfach niemanden groß interessiert.“ Wohl kein anderes Krankheitsbild hat sich in den letzten Jahrzehnten in der Wahrnehmung jedoch so gewandelt wie die Sepsis. Das ist auch der Verdienst von Prof. Reinhart.

Ausgangspunkt für diese Entwicklung war 2001 die Etablierung des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten nationalen Kompetenznetzwerkes SepNet zur klinischen Sepsisforschung. Zusammen mit Partnern aus dem UKJ, der Friedrich-Schiller-Universität und dem Jenaer Hans-Knöll-Institut folgte die Einwerbung  des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums für Sepsis und Sepsisfolgen am UKJ, das „Center for Sepsis Control & Care“, kurz CSCC. Hier war Prof. Reinhart der Initiator. Das Zentrum wird seit 2008 vom BMBF gefördert, erst im vergangenen Jahr gab es die Zusage für eine zweite Förderperiode bis zum Jahr 2020.

Hinzu kommt eine Vielzahl von weiteren Forschungsnetzwerken in Jena. Etwa das Zentrum für Innovationskompetenz Septomics, eine fakultätsübergreifende Forschungseinrichtung der Friedrich-Schiller-Universität Jena, des UKJ und des Hans-Knöll-Institutes. „Uns ist es mit vielen Partnern gelungen, diesen Schwerpunkt zu etablieren und dank Förderung des Landes und des Bundes kontinuierlich auszubauen. Das wiederum gab den Anstoß für die Ausgründung einer Reihe von Unternehmen aus dem UKJ und der FSU, die innovative Diagnostika und Therapeutika entwickeln“, blickt der gebürtige Bamberger auf die Entwicklung der letzten Jahre.

„Wissenschaftliches Aushängeschild der Universitätsmedizin“

Der Staatsminister im Bundeskanzleramt, Prof. Helge Braun, selbst Intensivmediziner und Botschafter für den Welt-Sepsis-Tag, zur anstehenden Verabschiedung von Professor Reinhart als Klinikdirektor: „Prof. Reinhart hat sich als Gründungspräsident der Deutschen Sepsis Gesellschaft und Gründer der Global Sepsis Alliance in Deutschland und auf der internationalen Ebene unermüdlich für die Verbesserung bei der Vermeidung, bei der Früherkennung und für die Therapie der Sepsis eingesetzt und erheblich dazu beigetragen, dass Deutschland und speziell Jena auf diesem Gebiet weltweit eine führende Rolle einnimmt.“

Dr. Brunhilde Seidel-Kwem, Kaufmännischer Vorstand des UKJ und Sprecherin des Vorstandes: „Prof. Reinhart hat die Universitätsmedizin in Jena über zwei Jahrzehnte entscheidend geprägt und weiterentwickelt, sowohl in der Patientenversorgung, in der Forschung und in der Ausbildung angehender Mediziner. Für seinen immens großen Einsatz danken wir ihm außerordentlich.“ Der Medizinische Vorstand des UKJ, PD Dr. Jens Maschmann, weist  auf die großen Fortschritte bei der Versorgung intensivmedizinischer Patienten und auch deren Angehörigen hin: „Er hat belastbare Strukturen und Projekte entwickelt, die auch weit über das Thema Sepsis hinausgehen. Ein ganz anschauliches Beispiel dafür ist die Einführung einer Stationspsychologin, die während der Besuchszeiten für Angehörige der Patienten bereit steht.“

Prof. Dr. Klaus Benndorf, Dekan der Medizinischen Fakultät und Wissenschaftlicher Vorstand des UKJ,  betont: „Prof. Reinhart hat entscheidenden Anteil am Entstehen und Wachsen des Forschungsthemas Sepsis in Jena. Abseits von vorher definierten Schwerpunkten, allein getrieben von der wissenschaftlichen Neugier und den Erfahrungen mit seinen Patienten auf der Intensivstation, hat er dieses Thema zu dem wissenschaftlichen Aushängeschild der Universitätsmedizin in Jena gemacht.“

Erlebnisse als junger Assistenzarzt gaben den Anstoß

Dass die Sepsis zu „seinem“ Thema wurde, ist auf ein Erlebnis von Prof. Reinhart während seiner Zeit als junger Assistenzarzt auf einer Intensivstation zurückzuführen: „Sepsis war auf der Station die häufigste Todesursache seinerzeit. Das wurde einfach so als unumstößlich hingenommen. Während meiner medizinischen Ausbildung wurde das Thema kaum behandelt. Das wollte ich nicht hinnehmen“, blickt er auf die frühen 1980er Jahre. 1969 bis 1975 hatte er an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München und der Freien Universität Berlin Humanmedizin studiert, in Berlin wurde er an der Freien Universität Berlin promoviert, 1984 dort habilitiert. Zwei Jahre später organisierte er das erste Internationale Sepsissymposium, aus dem das weltweit  erste interdisziplinäre Fachbuch hervorging. Heute zählt Prof. Reinhart zu den  meistzitierten Wissenschaftlern auf dem Gebiet der Sepsisforschung. Schon früh stand für ihn aber auch fest: „Das Thema musste auch auf gesellschaftlicher und politischer Ebene auf die Tagesordnung. Sepsis war eine Krankheit ohne Lobby“.

2003 konnte Prof. Reinhart zusammen mit dem Kompetenznetzwerk SepNet erstmals belastbare Zahlen zur Sepsis in Deutschland vorlegen. Mit der Gründung der Deutschen Sepsis Gesellschaft, der ersten Fachgesellschaft für Sepsis weltweit, konnten standardisierte Behandlungsrichtlinien ausgearbeitet werden. Für Patienten wurde mit der Deutschen Sepsis Hilfe eine Anlaufstelle geschaffen. Und auf internationaler Ebene 2010 mit der Global Sepsis Alliance (GSA)  ein Netzwerk etabliert, deren Vorsitzender  Prof. Reinhart ist. Hier gelang es, mit dem World Sepsis Day einen festen Termin zu etablieren, bei dem die Erkrankung öffentlichkeitswirksam in den Mittelpunkt gerückt wird.

Seine aktuelle Bestandsaufnahme: „Der Ausbau der Sepsisforschung hat es in den aktuellen Koalitionsvertrag auf Bundesebene geschafft. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe und die Gesundheitsminister aus Irland und Jamaica organisieren zusammen mit der Global Sepsis Alliance 2016 im Rahmen der World Health Assembly (WHA) in Genf eine Veranstaltung zum Thema Sepsis. Viele andere Länder haben ihre Bereitschaft erklärt, 2017 auf der WHA eine Beschlussvorlage zum Kampf gegen Sepsis zur Abstimmung durch die 194 Mitgliedsländer zu stellen.“

Kontinuität sichergestellt / „Deutsches Qualitätsbündnis Sepsis“

Wenn Konrad Reinhart jetzt die Klinikleitung am UKJ an Prof. Dr. Michael Bauer übergibt, ist Kontinuität sichergestellt: Prof. Bauer hat bereits bei der Gründung des Jenaer Sepsiszentrums die Funktion des Sprechers übernommen und war über zehn Jahre stellvertretender Direktor der Klinik. Prof. Reinhart wird im Rahmen einer Seniorprofessur weiterhin am UKJ tätig sein und zudem das „Head Office“ des Welt-Sepsis-Tages und der Sepsis Alliance leiten. Im Rahmen von zwei großen multi-zentrischen Forschungsprojekten des CSCC wird er, im Verbund mit sechs großen Kliniken aus Mitteldeutschland, zum Aufbau einer weltweit einzigartigen Sepsis-Kohorte beitragen. Das Ziel des Projektes: Langzeitfolgen der Erkrankung  besser verstehen und behandeln zu können.

In einem weiteren von ihm geleiteten Großprojekt des CSCC haben sich weit über 50 Kliniken, darunter über 15 Universitätskliniken, zum „Deutschen Qualitätsbündnis Sepsis“ zusammengeschlossen und sich verpflichtet, ihre Behandlungsergebnisse von Sepsispatienten transparent zu machen und so die Versorgung flächendeckend zu verbessern.

Auch bei diesen Projekten wird er auf Fakten und Daten setzen. In diesen Tagen veröffentlicht das Deutsche Ärzteblatt eine Arbeit, die unter der Verantwortung von Prof. Reinhart von einem Autorenteam auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamtes zur  Häufigkeit und Sterblichkeit der Sepsis in Deutschland erstellt wurde. Fazit: 2013 erkrankten ca. 280.000 Menschen an einer Sepsis, davon verstarben 68.000 Menschen. Diese Zahlen sind für ihn klarer gesellschaftlicher Auftrag. Daran lässt er keinen Zweifel: „Sepsis ist in Deutschland die dritthäufigste Todesursache. Diese Zahl muss reduziert werden.“

www.cscc.uniklinikum-jena.de

www.world-sepsis-day.org

 
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